Woher wir wissen, wie man Zeichnen lernen kann
Ein Kurs in New York
Es war im Jahr 2012, als ich im Atelier von Brian Bomeisler sass, dem Sohn von Betty Edwards. Sechs volle Tage, intensiv, kompromisslos, und doch mit einer Klarheit, die mich bis heute prägt.
Wir zeichneten Konturen, liessen Linien langsam über das Papier kriechen, drehten Vorlagen auf den Kopf, massen Proportionen mit ausgestrecktem Stift. Und irgendwann geschah das, was so viele in meinen heutigen Kursen erleben: Plötzlich sah man anders. Nicht mehr das, was man zu wissen meinte, sondern das, was wirklich da war.
Damals begriff ich: Diese Übungen sind kein Zufall. Sie stehen in einer Tradition. Edwards hat sie gesammelt, geschärft, zugänglich gemacht. Doch die Wurzeln reichen weiter zurück.
Kimon Nicolaïdes – der natürliche Weg
1941 erschien in New York ein Buch, das bis heute als Klassiker gilt: The Natural Way to Draw von Kimon Nicolaïdes. Seine Haltung war radikal: Zeichnen müsse man nicht theoretisch erklären, sondern durch tägliches Tun begreifen.
Nicolaïdes ließ seine Studierenden die Konturen von Aktmodellen am Anfang stundenlang blind nachfahren – nicht, um schöne Bilder zu produzieren, sondern um das Auge zu schulen. Er bestand darauf, dass es nur einen richtigen Weg gäbe: den natürlichen.
„There is only one right way to learn to draw and that is a perfectly natural way.“
Seine Übungen – Blind Contour, schnelle Gesten, stundenlanges Beobachten – waren hart, aber sie legten die Basis. Wer das durchhielt, hatte am Ende keine “Wie zeichne ich was”-Rezepte, sondern grundlegende zeichnerische, künsterische Kompetenz. Und das war nur ein Teil des Grundstudiums in der Art Student League, in der der Nicolaides unterichtete.
Cassange – das ABC des Zeichnens
Noch früher, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, erschien in Frankreich ein nüchternes, sehr systematisches Lehrbuch, in dem auch viele Wahrnehmungshilfen vorkamen: Armand Cassagnes Guide de l’alphabet du dessin – das berühmte „ABC du dessin“. (Van Gogh nutzte es zeitweise)
Die Idee: Zeichnen ist erlernbar, wenn man Wahrnehmung in kleine Einheiten zerlegt. Linien, Formen, Proportionen. Genau dieser Gedanke taucht später bei Edwards wieder auf – in einem anderen Kulturraum, in moderner Sprache und zusätzlich mit der Idee des Zusammenarbeites bzw Gegeneinanderarbeitens der beiden Hemisphären unseres Gehirns.
Cassange schrieb über das „Sehenlernen“ als Grundlage des Zeichnens. Wer einen Gegenstand zeichnen will, müsse nicht Talent besitzen, sondern lernen, die optischen Relationen zu erfassen.
Ein Gedanke, der für die damalige Zeit fast revolutionär war. Er zeigte viele Arten von Wahrnehmungshilfen und Konstruktionen, die zum Teil auf Dauer angelegt waren.
On the Shoulders of Giants – Dr Edwards und ihre auf die Emanzipation von Wahrnehmungshilfen angelegte, didaktisch einzigartig klare Methode
Wenn man diese Tradition zusammennimmt, erkennt man das Fundament:
- Nicolaïdes seinen ungewöhnlichen “Wahrnehmungs-Didaktik” und mehr
- Cassange mit der Systematik des Wahrnehmens und Wahrnehmungshilfen
Betty Edwards stand also nicht im luftleeren Raum. Sie stellte Fragen, arbeitete die Geschichte von nicht talentbasierten Methoden des Zeichnenlernens auf … fügte eigene Erkenntnisse hinzu, sammelte, verdichtete und übersetzte diese Tradition in eine Sprache, die auch Menschen außerhalb der Akademien verstehen konnten. Und schrieb einen Bestseller darüber, der sich millionenfach verkaufte und viele zum Zeichnen führte, die sich sonst nie eine Chance gegeben hätten.
Ein Buch, das Türen öffnete
1979 erschien ein anfangs unscheinbares Buch mit dem Titel: Drawing on the Right Side of the Brain. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft, und für zahllose Menschen zur ersten ernsthaften Begegnung mit der Idee, dass Zeichnen lernbar ist – auch ohne „angeborenes Talent“.
Betty Edwards, Professorin für Kunstpädagogik in Kalifornien, griff auf die Traditionen von Nicolaïdes, Cassange und anderen zurück – und verband sie mit den damals neuen Forschungen zur Gehirnorganisation. Ihre zentrale These war eingängig: Zeichnen gelingt, wenn wir vom analytischen, sprachdominierten „L-Modus“ ins visuelle, ganzheitliche „R-Modus“-Denken umschalten.
Die Sache mit der rechten Gehirnhälfte
Die Metapher von der „rechten Gehirnhälfte“ hat die Welt begeistert – und zugleich viele Missverständnisse ausgelöst. Neurobiologisch ist es heute klar: Kreativität oder Wahrnehmung sitzen nicht in einer einzelnen Hemisphäre. Aber als Bild half die Formel, eine Schwelle zu übertreten. Und in der tat stellt sich beim Zeichnen oft ein “altered state” ein, ein leicht veränderter Bewusstseinszustand.
Im Unterricht sage ich es so: Es geht im Kern nicht darum, eine Hirnhälfte völlig ein- oder auszuschalten. Es geht darum, unsere Aufmerksamkeit umzulenken, besser steuern zu lernen. Vom sprachlichen Benennen hin zum visuellen, vertieften Wahrnehmen. Vom „ich weiß, wie ein Pilz aussieht“ zum „ich sehe, wie dieser Pilz hier aussieht“ – wenn ich möchte.
Die fünf Einzelfähigkeiten
Edwards ordnete die Übungen gemäss der fünf Einzelfähigkeiten, die in ihrem Denk-Modell zusammen die komplexe Fähigkeit „Zeichnen“ ergeben:
- Konturen – edges
- Formen und Negativformen – spaces
- Proportionen und Beziehungen – relationships
- Licht und Schatten – lights & shadows
- Gestalt – the gestalt
Dieses Modell ist scheinbar einfach und schlicht – aber genau darin liegt seine Stärke. Wer diese fünf Schritte versteht und dann entsprechend trainiert, merkt rasch, dass Zeichnen kein Geheimnis ist, sondern ein machbarer Lernprozess.
Es gibt keinen Grund mehr, zu theoretisieren …es gibt auch keine Ausreden mehr … es wird klar, was zu tun ist, wenn man seine Zeichenfähigkeiten entdecken und erweitern will. Es ist die Möglichkeit, sich ein Fundament zu bauen und dann zu schauen, was man weiter tun will.
Wie es im Unterricht wirkt
Ich erinnere mich gut an eine Teilnehmerin, die beim ersten „Upside-down“-Zeichnen lachte. „Das soll was bringen?“ fragte sie, als sie die Vorlage auf dem Kopf sah. Eine Stunde später hielt sie ihr umgedrehtes Blatt hoch – und staunte. Die Linien waren präziser, die Proportionen stimmten erstaunlich gut, das Bild wirkte plötzlich wie „stimmig gezeichnet“ auch wenn es keine exakte Kopie geworden war.
Genau das ist die Erfahrung: Übungen, die auf den ersten Blick seltsam oder sogar albern wirken, haben innerhalb der klaren Didaktik von Dr Edwards eine tiefe Wirkung. Sie verschieben die Möglichkeiten der Wahrnehmung, und öffnen dadurch die Tür zu einem neuen Zeichenniveau. Danach macht Üben mehr Sinn, weil man weiss, was genau man lernen und trainieren kann, um sich zeichnerisch zu entwickeln. Auch weit über diese Einstiegs-Methode hinaus.
Mein Blick als Vermittler und Zeichner
Für mich liegt die Stärke von Edwards’ Methode nicht in der Theorie von Hirnhälften, sondern in der praktischen Struktur und erwiesenen Wirkung, wenn man es richtig macht. Sie hat die teilweise alten Übungen so zusammengeführt und klar strukturiert, dass sie für Anfänger verständlich und greifbar werden – und sie hat gezeigt, dass jeder sie anwenden kann, wenn er bereit ist, sich darauf einzulassen.
Die Magie entsteht nicht durch Theorie und Worte, sondern durch sinnvolles Tun. Durch Linien, die plötzlich stimmen. Durch Schatten, die plastisch wirken. Durch den Moment, in dem die Gestalt erkennbar wird. Es ist ein Weg – und er hat ein klares Ziel, das erreichbar ist.
Woher wir wissen, wie man Zeichnen lernen kann
Ein Zeitgenosse: Bert Dodson
Nur wenige Jahre nach Edwards veröffentlichte Bert Dodson sein Buch Keys to Drawing (1985). Auch er war überzeugt: Zeichnen ist nicht Magie, sondern Übung. Seine Sprache war lockerer, alltagsnaher, weniger systematisch als die von Edwards – und doch berührte er dieselben Punkte. Es ist nicht bekannt, ob und wie sehr er von Dr Edwards inspiriert war.
Dodson betonte das „Drawing blind“ – das blind geführte Nachzeichnen, um Auge und Hand zu koppeln. Er sprach von Proportionen, vom ständigen „Check and re-check“. Seine Botschaft: Wer geduldig beobachtet, kann zeichnen lernen. Es fehlen aber weitgehend die Wahrnehmungshilfen, die Dr Edwards mit Erfolg zum Einstieg einsetzte.
Dass zwei Autoren zu ähnlichen Konzepten kamen, könnte auch zeigen: Hier handelte es sich vermutlich nicht nicht um eine Modeerscheinung, sondern um grundlegende Einsichten, die etwas mit gezieltem Lernen zu tun haben.
Warum Edwards Methode überdauerte
Edwards blieb diejenige, deren Methode weltweit die meiste Resonanz fand. Warum?
Weil sie eine klare, nachvollziehbare Struktur anbot und in die Zeit passte. Weil ihre Übungen gut getestet waren und Schritt für Schritt den Lernenden an der Hand nahmen. Und weil sie die Eingebung und den Mut hatte, mit der „rechten Gehirnhälfte“ Theorie ein Bild zu verwenden, das Menschen Ende der 1970er sofort verstanden – auch wenn die Forschung heute ein differenziertes Bild vom Zusammenspiel der Hemisphären nahelegt, ist der Ansatz mit “zwei Denkweisen” in der Praxis sehr plausibel und effektiv.
Vor allem ihre Methode funktioniert. Menschen, die überzeugt sind, „kein Talent“ zu haben, können nach wenigen Tagen unerwartete zeichnerische Ergebnisse sehen.
Meine Erfahrung heute
Wenn ich heute im Atelier mit Teilnehmenden arbeite, spüre ich diese Kontinuität wenn ich sie mir bewusst mache. Von Cassange, über Nicolaïdes und Dodson, bis zu Edwards – und nun auch in rikon im tösstal in der Schweiz, im Atelier, an einem Tisch mit Pilzen aus dem nahen Wald.
Alles, was ich beim Vermitteln von Zeichengrundlagen tue, steht in dieser Tradition: Zeichnen als bewusste Wahrnehmungsschulung, Schritt für Schritt. Nicht als “Üben und das Beste hoffen”. Ausser den klassischen Übungen in der Struktur vom 6-Tages-Kurs denken wir uns immer wieder was Spezielles aus, zum Beispiel eben einen Einführungskurs mit Pilzen.
John Cage, Komponist und leidenschaftlicher Pilzkenner, sagte:
„I compose music but mostly I’m a mushroom identifier.“
Vielleicht ist das Zeichnen von Pilzen genau das: ein Erkennen, aber mit Stift und Papier. Ein Wahrnehmen, das über Worte hinausgeht.
John Ruskin schrieb:
„The greatest thing a human soul ever does is to see something, and tell what it saw in a plain way.“
Stimmiges, persönlich-realistisches Zeichnen ist genau das: Sehen – und schlicht “sagen”, was man gesehen hat.
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