Die Einzelfähigkeiten des Zeichnens – was Pilze uns zeigen können

Ein Tisch voller Pilze – ein Trainingsgelände fürs Auge

Im Atelier liegen Pilze auf dem Tisch. Manche frisch gesammelt, prall, glänzend, noch mit feuchter Erde am Stiel. Andere sind getrocknet: runzelige Röhrlinge, zähe Schirmpilze, teils verformt, fast grotesk und so noch nie gesehen.
Für eine Zeichnerin oder einen Zeichner sind sie kein Stillleben, sondern ein Trainingsgelände. Sie sagen: Sieh mich genau an. Jede Kerbe, jede Unregelmässigkeit, jede Kontur will entdeckt werden. Dabei macht es Sinn, klein anzufangen – zum Beispiel mit einem Pilz und verschiedenen Ansichten.

Konturen – der Zauber der subtilen Linie

Die erste Einzelfähigkeit: Konturen wirklich sehen und zeichnend nachempfinden.

Klingt banal. Doch sobald man den Stift ansetzt, merkt man: Das Auge will springen. Es möchte die Linie abkürzen, glätten, vereinfachen. Ein Hut wird rund gemacht, obwohl er unregelmässige Rundungen hat, wellig ist. Ein Stiel wird gerade gezogen, obwohl er mehrere feine Krümmungen hat und nicht auf ganzer Länge gleich dick ist.
In der bewusst geschaffenen Situation im Kurs ist viele Stunden lang Gelegenheit, die eigene Wahrnehmung kennenzulernen – und nicht nur theoretisch: Die veränderte Wahrnehmung wird auf den Zeichnungen sichtbar.

Wenn du dir erlaubst, abzubremsen, langsam zu sehen und dabei so langsam zu zeichnen, wie dein Auge auf dem Motiv eine Kontur erkundet, entsteht oft ein Staunen: Linien, die normalerweise unruhig wirken, fügen sich zu einer „zeichnerischen Wahrheit“, die glaubwürdiger und künstlerisch stimmiger ist, als man es sich zugetraut hätte. Klingt vielleicht merkwürdig – bis man es erlebt.

Perspektive – die geheimnisvolle Verkürzung

Die dritte Entdeckung ist vielleicht die überraschendste: Perspektive.

Stell dir vor, du hast einen Schirmpilz. Von oben gesehen ist der Hut rund, der Stiel nicht zu sehen. Von der Seite: Der Hut ist flach, der Stiel lang. Aber seitlich auf dem Tisch liegend, vor dir? Der Hut verwandelt sich in eine mehr oder weniger flache Ellipse. Der Stiel sieht plötzlich viel kürzer aus – fast lächerlich kurz im Vergleich zur Vorstellung eines Schirmpilzes.

Hier geraten die meisten ins Straucheln. „Das kann nicht stimmen“, sagt der Kopf. „Der Stiel ist doch länger!“ Daher zeichnet man den Stiel länger, als er zu sehen ist. Das Motiv widerspricht der Vorstellung – daher „sieht“ man den Stiel lang und zeichnet ihn zu lang.

Wer einen Weg findet, die „zu kurze“ Linie wirklich so kurz zu zeichnen, erlebt einen Aha-Moment. Plötzlich fühlt es sich an wie der Pilz, den man vor Augen hat. Aber das ist schwer.

Oft ist es nötig, der Wahrnehmung mit kleinen Tricks nachzuhelfen: Ein Plexiglas, vor den Pilz gehalten und auf dem man den Umriss mit einem Marker direkt nachfährt. Dann schaut man hin und her, zwischen Pilz und Zeichnung auf dem Plexi – und erkennt, dass die Proportionen und die Perspektive stimmig sind.

Wir nutzen auch ein dünnes Holzstäbchen als Sehhilfe, um Proportionen abzugleichen. Das Erstaunliche: Sobald man akzeptiert, dass der Stiel „zu kurz“ aussieht, weil er perspektivisch verkürzt ist, verschwindet die Unsicherheit. Aus Zweifel wird Vertrauen ins Sehen. Und in diesem Vertrauen entsteht Zeichnung – mit immer weniger Hilfsmitteln.

Proportionen – das Mass der Dinge

Ein Pilz ist nie nur ein Pilz. Ein junger Röhrling steht gedrungen wie ein kleiner Turm. Ein alter Steinpilz wirkt schwankend, der Stiel zu dünn für die Last des breiten Hutes. Manche Arten strecken ihre Hüte schirmartig weit aus, andere ducken sich knapp über den Boden.

Wenn du versuchst, diese Unterschiede zu zeichnen, merkst du schnell: Es sind nicht die Details, die den Pilz erkennbar machen, sondern die Verhältnisse. Hut zu Stiel. Höhe zu Breite. Neigungswinkel.

Viele Teilnehmende erschrecken beim ersten Messen. „So gross ist der Hut im Verhältnis? Das stimmt doch nicht!“ – Und dann sehen sie es: Doch, genau so ist es.

Hier kommt das Visieren ins Spiel – mit einem Bleistift oder einem Holzstäbchen. Du hältst es hoch, vergleichst Winkel, prüfst Längen. Plötzlich ist das Zeichnen kein Rätselraten mehr, sondern ein Dialog mit dem Auge.

Es ist fast wie ein Initiationsritus: der Moment, in dem man begreift, dass die Dinge selten so aussehen, wie man sie sich vorstellt. Und dass genau darin die Schönheit liegt.

Pilze zeichnen lernen

Tonwerte – Licht und Dunkelheit als Sprache

Wenn die Konturen stehen und die Proportionen stimmen, erwacht die Zeichnung durch Licht und Schatten. Pilze sind dafür ideale Lehrmeister.

Manche sind fast weiss – Champignons, Schopftintlinge, helle Boviste. Andere sind dunkelbraun, oliv, fast schwarz. Wieder andere tragen Kontraste in sich: ein heller Stiel unter einem dunklen Hut, oder umgekehrt.

Im Atelier nutzen wir das Licht bewusst. Ein Pilz unter dem klaren Schein einer Schreibtischlampe wirkt anders als im diffusen Tageslicht. Das Licht modelliert den Stiel, legt Schatten zwischen die Lamellen, lässt den Hutrand glänzen.

Hier geschieht eine der schönsten Übungen: subtraktives Zeichnen. Auf eine mit Grafit geschwärzte Fläche setzt du keinen Strich, sondern einen Radierer. Du ziehst das Licht hervor. Ein heller Stiel wächst aus der Dunkelheit, ein Reflex auf dem Hutrand beginnt zu leuchten.

Für viele ist das ein magischer Moment. Der Radierer wird zum Stift des Lichts. Und das Auge begreift, wie sehr Zeichnen nicht nur Linie, sondern vor allem Tonwert ist – das Verhältnis von Hell und Dunkel.

Das Geheimnis des Schattens

Pilze haben etwas Dankbares: Ihr Schatten fällt nie streng geometrisch wie bei Architektur, sondern organisch, weich, oft gebrochen durch den Waldboden oder das Tuch im Atelier.

Wer diese Schatten ernst nimmt, entdeckt plötzlich Tiefe. Die Zeichnung springt nach vorn, wird plastisch, fast greifbar. Und mit ihr wächst das Staunen: So einfach – und doch so überzeugend.

Gestalt – das Erkennen im Bruchteil einer Sekunde

Manchmal reicht ein winziges Detail. Ein roter Hut mit weissen Flocken – und wir wissen sofort: Fliegenpilz. Ein breiter Schirm auf dünnem Stiel – Parasol. Eine schwammige Unterseite, gelb und löchrig – ein Röhrling.

Das ist die fünfte Einzelfähigkeit: Gestalt erkennen und darstellen.
Es geht nicht mehr nur um Konturen, Proportionen oder Tonwerte, sondern um das Zusammenspiel von allem, was das Auge braucht, um „Wiedererkennen“ möglich zu machen.

In meinen Kursen ermutige ich, auf diese Gestaltmarker zu achten. Oft sind es wenige Dinge, die genügen: ein bestimmtes Muster auf dem Hut, die Form der Lamellen, eine Verdickung am Stiel – und diese im Zusammenwirken. Wer sie erfasst und visuell nachvollziehbar zeichnet, erreicht den Punkt, an dem der Betrachter sagt: Ja, das ist ein Parasol – und kein Champignon.

Das Staunen darüber, wie wenig manchmal nötig ist, um diesen Effekt zu erzielen, gehört zu den spannenden Erfahrungen beim Zeichnenlernen.

Die Puzzleteile fügen sich zum Bild

Betty Edwards nannte es die „Einzelfähigkeiten der komplexen Fähigkeit Zeichnen“. Erst in der Summe entsteht das, was wir als Zeichnen kennen:

  • Konturen → ein Anfang

  • Formen und Zwischenräume → mehr Klarheit

  • Proportionen und Perspektive → Überzeugung und Sicherheit

  • Tonwerte → Plastizität

  • Gestalt → stimmige Erkennbarkeit

Jede Fähigkeit für sich reicht nicht, um sich als Zeichnerin oder Zeichner kompetent zu fühlen. Doch wenn sie sich zusammenfügen, entsteht etwas, das grösser ist als die Summe seiner Teile: die Erfahrung, immer besser zeichnen zu können – und wenn es mal nicht klappt, nicht ratlos zu sein, sondern überlegen zu können, wo das Problem liegt.

Eine kleine Offenbarung

John Ruskin, der grosse englische Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts, schrieb:
„The greatest thing a human soul ever does is to see something, and tell what it saw in a plain way.“

Sogar ein Pilz auf dem Tisch kann uns dabei helfen. Weil er uns Gelegenheit gibt, genau hinzusehen und mit zeichnerischen Mitteln schlicht zu sagen, was wir gesehen haben – mit Linien, Formen, Proportionen, Perspektive, Schatten und Licht.

Ausblick

Damit sind wir am Ende von Teil 2. Wir haben gesehen, wie wir mit Pilzen alle fünf Einzelfähigkeiten des Zeichnens erleben können.

Im nächsten Teil weiten wir den Blick: Wir schauen zurück auf die grossen Lehrer des Zeichnens – Kimon Nicolaïdes, Bert Dodson, Betty Edwards, bis hin zu Charles Bargue und im populären Bereich A. M. Cassange im 19. Jahrhundert.

Wir fragen: Woher kommt dieses Wissen? Und warum hat sich ausgerechnet die Methode von Edwards so bewährt?

Fortsetzung folgt.

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David Köder - einer der Autoren vom Zeichnen lernen Blog

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