Ein überraschender Fund vor dem Atelier

Vor dem Ateliereingang unter unserem grossen Baum war irgendwann im Juli plötzlich ein Pilzhut zu sehen. Dunkelbraun, dann der erwartete bauchige Stiel, die Röhren leuchtend rot. Ein Hexenröhrling. Es war auch Zeit – ein paar Wochen zuvor hatten wir die Idee gehabt, einen Wochenendkurs mit Pilzezeichnen auszudenken und anzubieten. Und dann war es so trocken, dass keine Pilze zu finden waren. Und nun dieser Hexenröhrling, ein Pilz, den ich schon als Kind gekannt hatte. Ich hatte damals nie Pilze gezeichnet, hatte sie aber – wie anscheinend vieles in der umliegenden Natur – ungewöhnlich lange angeschaut.

Nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass sich da gerade etwas verschob. Der Pilz, der eben noch selbstverständlich am Wegrand stand, wurde unter der langsamen Spur meines Stiftes zu etwas anderem: zu einer Einladung. Nicht zum Kochen – sondern zum Sehen.

Viele von uns haben irgendwann aufgehört zu zeichnen – meist aus Frust

Vielleicht erkennst du dich darin wieder: Als Kind hast du gezeichnet. Viel und gern. Und irgendwann kam der Bruch. Es reichte nicht mehr, auch wenn Lehrer es gut fanden. Ein Pferd sollte auch wie ein Pferd aussehen. Ein Gesicht wie das Gesicht. Und plötzlich schob sich ein finales Urteil dazwischen: Das kann ich einfach nicht.

Manche haben das Zeichnen noch im Kunstunterricht durchgezogen, manche sogar im Studium – wenige kamen so weit, dass sie wirklich zufrieden waren und immer besser wurden. Die meisten gaben einfach auf, es gab ja wichtigeres im Leben. Aber fast alle tragen die Erinnerung in sich, dass Zeichnen einmal Freude gemacht hatte – bis es schmerzhaft wurde oder einfach nicht mehr stattfand – das schien normal.

Was fast immer bleibt, ist bei etwas Hinspüren ein kleiner Stachel: die Überzeugung, dass man leider „kein Talent“ habe. Ein Spruch, den ich oft höre, wenn Menschen über das Zeichnen sprechen. Er klingt naturgegeben und endgültig.

Ein unscheinbarer, aber überraschender Einstieg

Mit Pilzen und dem, das sie fürs Zeichnen zu bieten haben – wenn man es bemerkt. Wer sich an ein Porträt wagt, stößt schnell an Grenzen: Ähnlichkeit, Ausdruck, Anatomie. Hände treiben selbst Profis manchmal in den Wahnsinn. Tiere, Landschaften, Architektur – alles hochkomplex.

Pilze dagegen sind wie eine Einladung an Anfänger. Sie tragen schon in ihrer Form etwas Versöhnliches. Rund, manchmal schief, oft unregelmäßig. Ein Hut, ein Stiel – und doch unendliche Varianten.

Ein Champignon aus dem Supermarkt mag noch wie ein Symbol aussehen. Aber wer einmal einen Korb voller Waldpilze betrachtet hat, erkennt: Hier gibt es eine Welt voller Eigenheiten. Jeder Stiel wächst ein wenig anders, jeder Hut trägt seine eigenen Zeichen, jede Lamelle ihren eigenen Rhythmus.

Genau das macht sie zu einem idealen Motiv. Beim Pilze zeichnen gerät man nicht sofort unter den Druck, eine „perfekte Ähnlichkeit“ herstellen zu müssen … genau das macht es leichter, bei erfahrener Anleitung, immer mehr stimmige Ähnlichkeit zu erreichen.

Denn es geschieht etwas Überraschendes: Nach ein paar Einstiegsübungen zur zeichnerischen Wahrnehmung, noch ohne “Motive”, fangen die Pilze auf den Zeichnungen an, plausibel auszusehen. Nicht mehr ungelenk vereinfacht und symbolisch, nicht ungewollt kindlich – sondern so, als hätte jemand wirklich hingesehen. Sprich, als könnte ein Mensch zeichnen.

Was beim Zeichnen (und Pilze zeichnen) eigentlich geschieht

Das Geheimnis liegt darin, dass Zeichnen keine einzelne, geheimnisvolle Fähigkeit oder gar Begabung ist. Es ist eine zusammengesetzte, sogenannte komplexe Fähigkeit – sprich eine Konstellation von definierbaren Einzelfähigkeiten, die man verstehen, lernen und dann trainieren (üben) kann.

Die amerikanische Kunstpädagogin Betty Edwards hat diese Beobachtung schon vor Jahrzehnten gemacht, sie schreibt, für diese Erkenntnis und ihre Überprüfung habe sie Jahre gebraucht.

Sie beschreibt, dass Zeichnen aus fünf “Teilen” bestehen könnte: Konturen wahrnehmen, Formen und Negativformen sehen, Proportionen überprüfen, Hell-Dunkel-Werte unterscheiden und Gestalt erkennen. Wer diese Einzelfähigkeiten übt, lernt nach und nach „sehen wie ein Zeichner“. Und damit auch zeichnen wie ein Zeichner.

Es klingt nüchtern – fast technisch. Aber in der Praxis fühlt es sich eher wie ein kleiner Perspektivwechsel an, eine schlichte Änderung der Herangehensweise

John Ruskin schrieb im 19. Jahrhundert: „The greatest thing a human soul ever does is to see something, and tell what it saw in a plain way.“ – Das größte, was eine menschliche Seele tut, ist, etwas zu sehen und schlicht zu sagen, was sie gesehen hat. In unserem Fall “sagen” wir es mit dem Bleistift – es klingt wie etwas kleines, und doch fühlt es sich grossartig an, wenn es anfängt zu funktionieren.

Genau darum geht es: um das Entdecken des Sehens und darum, dass man durch dieses neu entdeckte Sehen zeichnen lernt. Und zwar nicht nur vereinfacht und symbolisch zeichnen, sondern genau das zeichnen, was man sieht.

Pilze zeichnen lernen

Pilze als Mikrokosmos

Wenn du einen Waldpilz genau betrachtest, passiert etwas Merkwürdiges. Zuerst siehst du den typischen „Pilz“: Hut, Stiel, vielleicht ein paar Lamellen. Doch je länger du hinschaust, desto mehr bricht dieses einfache Bild auf. Der Stiel ist nicht einfach ein Zylinder, sondern schief gewachsen, mit Furchen, Flecken, manchmal angenagt. Der Hut ist nicht rund, sondern wellig, eingerissen, mit matter oder glänzender Haut. Und die Lamellen sind kein gleichmässiges Muster, sondern eine kleine Landschaft aus Tälern und Schatten.

Mit anderen Worten: Pilze sind ein Mikrokosmos. Ein kleines Universum, in dem sich fast alles wiederfindet, was Zeichnen ausmacht – nur in überschaubarer Form.

Konturen sehen lernen

Die erste Einzelfähigkeit: Konturen erkennen.
Ein Pilzhut bietet die perfekte Gelegenheit. Seine Rundung zwingt den Blick, langsam zu wandern … ist das wirklich rund? Ist da eine kleine Kerbe? Wer versucht, die Kante in einem Zug nachzufahren, bemerkt sofort, wie sehr das Auge springen will – aber auch, dass es mehr zu sehen gibt, als gedacht. Aber wenn du den Stift mit deinem Blick koppelst – Linie für Linie, Millimeter für Millimeter – wird die Kontur plötzlich lebendig.

Kimon Nicolaïdes, der große Zeichenpädagoge, schrieb 1941: „There is only one right way to learn to draw and that is a perfectly natural way“, – und er meinte damit genau diese Art, das Auge mit der Hand zu synchronisieren. Er hielt es für entscheidend, für die Basis von allem weiteren.

Formen und Zwischenräume

Pilze sind auch gut, um “Zwischenräume” sehen und zeichnerisch nutzen zu lernen. Stell dir eine Gruppe kleiner langstieliger Pilze vor, eng beieinander und übereinander liegend. Zwischen den Stielen entstehen ungleichmässige Dreiecke, Rhomben, unerwartete Formen ohne Namen. Wer diese Negativformen wahrnimmt und “losgelöst” von der Idee der Stiele zeichnet, kommt leichter zu einer Zeichnung, die stimmt – selbst wenn der Blick noch unsicher ist. Diese “Negativformen” sind kein Selbstzweck, sie sind oft eine Art Strukturhilfe, beim plausiblen, stimmigen Aufbauen einer Zeichnung.

Betty Edwards machte dieses Prinzip berühmt, weil es uns hilft, uns aus der Falle “Zeichnen was wir denken statt was wir wirklich vor Augen haben” zu befreien. Wir zeichnen nicht mehr einen Pilzstil oder einen Pilz – bzw das Bild, das wir davon im Kopf haben, sondern den Raum zwischen Pilzen. Und plötzlich gelingen Formen besser, plausibler.

Proportionen überprüfen

Auch Proportionen sind bei Pilzen erstaunlich zugänglich, vermutlich weil wir bei Pilzen weniger “gelernten Stress” haben als wenn wir ein Gesicht zeichnen sollen. Ein Steinpilz kann gedrungen wirken wie ein kleiner, dicker Turm, ein alter Schirmpilz dagegen dürr, hochbeinig, vollkommen anders in den Proportionen. Ein junger Röhrling hat noch einen dicken, festen Stiel – ein alter neigt sich, mit manchmal ausladendem, dickem, schiefem Hut, der schon Frassspuren trägt. Der Stiel wirkt dann manchmal dünn, im Vergleich zum jungen Pilz.

Wer hier die Verhältnisse mit Visieren bewusst “Abgleicht”, zum Beispiel mit einem dünnen flachen Holzstäbchen – Hutbreite zu Stiellänge, Neigungswinkel, Durchmesser der Knolle – eignet sich genau das an, was auch bei “schwierigen” Motiven so entscheidend ist. Nur ohne den überwältigenden Druck, dass es perfekt „nach Mensch“ – oder was immer das Motiv ist – aussehen muss.

Hell und Dunkel

Dann das Spiel von Licht und Schatten. Pilze stehen selten im Scheinwerferlicht, sie leben oft im Halbschatten. Bei uns im Kurs sind sie ideale Objekte, um Tonwerte zu üben. Ein heller Stiel hebt sich z.B. vom dunklen Untergrund ab. Unter dem Hut liegen die Lamellen im Schatten, aber mit feinen Lichtreflexen. Schon mit einem weichen Bleistift und einem Knetradierer lässt sich dieses Hell-Dunkel sichtbar machen.

Manchmal lasse ich meine Teilnehmenden auf einer mit Grafit grundierten Fläche zeichnen, indem sie “das Licht herausradieren”. Mit dem Radierer sozusagen malen  – das klingt paradox, fühlt sich aber ungeheuer befreiend an. Es gibt keine Angst vor dem weissen Blatt. Und es ist sehr fehlerverzeihend. Der Pilz beginnt bald förmlich aus dem Dunkeln zu leuchten, Gestalt anzunehmen auf der Zeichnung. Was dunkler ist, wird mit weichem Bleistift dunkler gezeichnet.

Gestalt erkennen

Und dann die sogenannte “Gestalt”. Was macht einen Fliegenpilz zum Fliegenpliz? Die weissen Flocken auf dem roten Hut, die Proportionen, weitere Merkmale. Was einen Steinpilz? Was einen Schirmpilz, was einen Pfifferling?

Es sind oft nur wenige Stellen, typische aber sensible Striche, die das Auge des Betrachters überzeugen, das Gehirn “einrasten” lassen mit der sogenannten Gestalterkennung, die jeweils ein kleines, spürbar gutes Gefühl macht. Es passiert dabei ein kleines Wunder: Eine Zeichnung kippt von ein paar Spuren auf Papier, von ein paar Linien zu „Oh, es ist ein ganz bestimmter Pilz“.

Ein Moment der Leichtigkeit

Wenn Menschen erleben, wie relativ schnell es möglich ist, plausibel zu zeichnen, passiert etwas Befreiendes. Die altvertraute Anspannung fällt ab. Sie merken: Es geht vielleicht gar nicht darum, mehr oder weniger Talent zu besitzen. Es geht darum, zu sehen, und das Gesehene behutsam aufs Papier zu bringen.

Das ist auch manchmal anstrengend, von fall zu Fall, zugegeben … aber es ist nicht so hoffnungslos wie immer weiter zu “üben”, ohne Orientierung und meist ohne Fortschritte.

Ich habe das Gefühl,  Pilze haben ein besonderes “Talent”, uns als Erwachsene schrittweise mit einer Art Sehen wieder in Kontakt zu bringen, die wir vermutlich immer in uns getragen haben – und vielleicht nur verlernt haben. Dazu gehört auch Staunen, einfach Hinschauen, immer mehr wahrnehmen und Feinheiten sehen, die wir noch nie beachtet haben.

Erste Linien, erstes Staunen

Im Atelier ist es oft ein unscheinbarer Moment. Auf dem Tisch liegen ein paar Pilze – Röhrlinge, ein Parasol vielleicht, ein paar kleine Tintlinge. Die Teilnehmenden haben ihre Stifte gezückt, zunächst zögerlich, fast misstrauisch. Die Einstiegsübungen sind auch absolviert. Dann entsteht die erste vorsichtige Kontur, ein Stiel biegt sich, eine Hutkante schliesst sich zu einer Form.

Ich sehe es immer wieder mit Freude: Der Ausdruck verändert sich. Manche atmen auf, andere beginnen zu lächeln. Das Blatt vor ihnen sieht nicht mehr nach einem zufälligen Gekritzel aus, wie oft in normalen “Skizzierkursen” sondern nach etwas, das für die Zeichnenden ungewohnt stimmt. Ein Pilz eben, immer mehr dieser spezielle Pilz … mit immer mehr von seinen Eigenheiten, die auf dem Zeichenblatt stimmig sichtbar werden.

Dieser Augenblick, wenn die Zeichnung kippt – von es ist irgendwie ein Pilz, von keine Ahnung was ich da mache zu “sieht aus wie dieser Pilz, unglaublich” – im Minimum: es sieht aus wie ein echter Pilz (!) ist für viele ein kleines Wunder. Und das geschieht mit schöner Regelmässigkeit bei unserer Vorgehensweise.

Was Pilze ermöglichen

Pilze schenken eine Art Schonraum. Sie sind eigenwillig, aber nicht einschüchternd. Ein Hut darf schief sein, auch etwas schiefer als am Pilz auf dem Tisch, ein Stiel darf etwas zu dick geraten. Die Tendenz stimmt, das kriegt man hin. Es stört nicht, wenn Perfektion fehlt – im Gegenteil: es wirkt trotzdem glaubwürdig, als Pilz. Jeder Pilz wächst anders, niemand erwartet Symmetrie oder Perfektion.

Gerade dadurch lösen diese Motive anscheinend etwas aus. Wer einen Pilz bewusst zeichnet, erkennt schneller, dass es nicht um Talent geht. Es geht um Aufmerksamkeit, um die Bereitschaft, länger hinzusehen, als man es gewohnt ist. Um das bewusste, sparsame Nutzen von Wahrnehmungshilfen, anfangs. Und die Aufmerksamkeit wird belohnt: Linien fügen sich, Schatten formen Formen, eine Gestalt entsteht.

Der (Leit-) Faden zum Staunen

Der Mykologe Paul Stamets sagte einmal: „I see the mycelium as the Earth’s natural Internet, a consciousness with which we might be able to communicate.“ Pilze sind mehr als Pflanzen oder Tiere – sie bilden Netze, die unter der Erde alles verbinden.

Klingt etwas abgehoben, ich weiss. Aber vielleicht ist das Zeichnen von Pilzen genau deshalb so besonders: Auch hier entsteht ein Netz, eine Verbindung. Zwischen Auge und Stift, zwischen Wahrnehmung und Papier, zwischen dir und der Welt, genau genommen. Auf stille art und Weise, es hat etwas meditatives, wenn es beginnt zu funktionieren und leichter von der Hand geht, flüssiger wird.

Plötzlich blitzt sie auf, diese leise Freude, die fast kindlich wirkt: Ich kann das ja doch.
Diese Momente werden bald häufiger, wenn man sich anfangs gewissenhaft mit dem bewussten Hinsehen und der “Auge-Hand” Verbindung beschäftigt und diese trainiert.

Ausblick

Damit endet dieser erste Teil. Wir haben gesehen, warum Pilze ein genialer Einstieg ins Zeichnen sein können, warum sie so wenig Angst machen und so viel Zutrauen schenken können.

Im nächsten Teil des Artikels geht es noch konkreter um die Einzelfähigkeiten, aus denen sich die komplexe Fähigkeit Zeichnen zusammensetzt.

Wir schauen uns vertiefend an, wie Konturen, Formen, Proportionen, Tonwerte und Gestalt Schritt für Schritt verständlich und trainierbar werden – und gehen weiter darauf ein, warum gerade Pilze sich dafür so unerwartet gut eignen.

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David Köder - einer der Autoren vom Zeichnen lernen Blog

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